Über die Arbeiten von Alexander Estis

Ninel Ziterowa

Über die Arbeiten des Künstlers Alexander Estis

Auszüge

 

Alexander Estis (geboren im Jahre 1986) ist ein Sohn der bekannten Künstler Lydia Schulgina und Nikolai Estis. Als er kaum zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Deutschland, in die kleine Stadt Pinneberg (in der Nähe von Hamburg). Hier absolvierte er das Gymnasium und nahm danach das Studium der Philologie an der Universität Hamburg auf, welches er mit einer hervorragenden Magisterprüfung in Latinistik und Germanistik abschloß. Derzeit lehrt A. Estis mittelalterliche deutsche Literatur und historische Sprachwissenschaft an der Universität. Als Literaturwissenschaftler befaßt er sich unter anderem auch mit Wissenschaftstheorie und wissenschaftlicher Methodologie.

Alexander Estis ist ein Mensch von einer universellen Bildung und einem vielseitigen Interesse, wie sie in heutiger Zeit selten sind. Neben der bildenden Kunst vertiefte er über weite Strecken seines Lebens in die Beschäftigung mit Poesie, Musik, Kalligraphie, Theater; studierte Sammlungen vieler Museen und die Kunstgeschichte. Der Literatur und der Buchgraphik galt jedoch stets seine größte Hingabe (eine Verehrung des Buches herrschte seit jeher in seiner Familie). All dies verbindet sich bei ihm mit der unermüdlichen Übung und Vervollkommnung seines zeichnerischen Könnens sowie mit der ständigen Suche nach neuen schöpferischen Formen.

Die künstlerische Weltsicht von A. Estis entwickelte sich vor allem unter dem Einfluß seiner Eltern, zweier Künstler von hohem professionellen Rang, deren Schaffen die Gestaltung seriöser geistig-ästhetischer Ideale zum Ziel hat und gekennzeichnet ist von einer komplexen Symbolstruktur, von stilistischem Individualismus und von ausgefeilter technischer Virtuosität.

Bereits in seiner Jugend schuf A. Estis eine große Zahl an Zeichnungen, von denen viele ausgestellt und prämiert wurden; auch beim Publikum haben sie viel Anerkennung gefunden. Schon damals zeigten seine Arbeiten eine Tendenz zur symbolischen Darstellung des Übergegenständlichen; geschult an dem kontemplativen, auf das Existentielle ausgerichteten Schaffen seiner Eltern (Vater und Mutter gingen dabei, wie man bemerken muß, in der Bildhaftigkeit und in der Stilistik jeweils ihre eigenen Wege), offenbarten die Arbeiten von A. Estis recht früh eine eigene Sichtweise: das emotional-sinnliche, expressive Element verband der junge Zeichner mit der ihm eigenen rational-intellektuellen, analytischen Perspektive und mit dem Bestreben, die innere Textur der Gestalten zu verstehen und künstlerisch möglichst konzis zu verwirklichen – sei diese Gestalt eine Form des natürlichen Lebens (Baum, Blume, Tier) oder Wirkens (Wind, Gewitter, Sturm, Licht), sei es ein Mensch (Figur, Bewegung, Gesicht, Blick), sei es ein übernatürliches Wesen wie etwa der Engel (eine Spiegelung des Menschen, seiner Ideen, Gefühle und Leidenschaften).

Zum wichtigsten Arbeitsinstrument wurden für A. Estis schwarze Tinte oder Tusche und Feder, welche in sein Schaffen eingedrungen waren vor allem im Zuge seiner Beschäftigung mit der fernöstlichen, insbesondere mittelalterlichen japanischen und chinesischen schwarzweißen Tuschmalerei; hieraus erklärt sich auch seine Vorliebe für das Kalligraphische. (Später wurde daneben der Bleistift, ehemals nur Werkzeug der Skizze, zu seinem geliebten Medium.)

Über den Einfluß der japanischen Malerei bei A. Estis schreibt Prof. Dr. Hartmut Freytag: „Die […] kalligraphisch gearbeiteten, schmalen, ungemein hohen Formate erinnern an kostbare japanische Rollbilder, die Ausschnitte einer Landschaft von Bergen, herabstürzenden Bächen und Vegetation zeigen. Ebenso wie bei der japanischen Malerei weisen sie keine dreidimensionale Form auf, sondern eine flächige Gestaltung. Ihre Ähnlichkeit beruht auch darauf, daß sie im Detail wunderschön gebildet und dabei in der Gesamtform offen bleiben. Die Bilder sind nicht begrenzt, sie haben keine geschlossene Form und beziehen ähnlich den japanischen Zeichnungen die freie, ausgesparte Fläche mit in die Komposition ein.“ (Aus: Prof. Dr. Hartmut Freytag, Universität Hamburg, Ansprache auf der Vernissage der Ausstellung „Im Dialog: Die Künstlerfamilie Lydia Schulgina, Nikolai Estis, Alexander Estis“, Landdrostei Pinneberg, 23.1.2011)

Die wichtigsten Aspekte seiner Arbeiten sind die Charakteristik des Strichs und die höchste Beweglichkeit der Linien, welche die Dynamik des gesamten Blattes bestimmen. In seine Blätter fügt er nicht selten auch Text ein, gezeichnet in einer feinen ausdruckskräftigen Schrift. Das freie und lebendige Gewebe der Wörter und Buchstaben wird verstrickt mit dem Lineament der Figuren, welche das Zentrum des Blattes einnehmen; die weiße Oberfläche des Blattes ist übersät mit vielzähligen impulsiven Schraffuren, Mustern, Klecksen und Spritzern, die in ihrer Verteilung die Tiefe und gleichzeitige Statik der Fläche unterstreichen. Das Streben nach philosophischer Abstraktion äußert sich, indem es von einer übermäßigen Individualisierung etwa in den Gesichtern der Figuren absieht, in der Fokussierung auf die Silhouetten, Bewegungen, Gesten.

Viele Blätter des Künstlers, die zwar in verschiedenen Jahren entstanden, doch von einheitlich hohem ästhetischen Niveau sind, haben Eingang gefunden in das 2010 verlegte Kunstbuch „Studien zur Sprache und Anatomie der Engel“. Dieses Bändchen – klein im Format, doch sehr reich an Inhalt – ist ein ganzheitlicher Organismus, in welchem nicht nur Form und Inhalt, sondern auch Wort und Bild in untrennbarer Synthese erscheinen.

Im Feuilleton hieß es über die ‚Studien‘: „Dieses Buch ist eine eigentümliche Fusion von Linie und Buchstabe, von wissenschaftlicher und künstlerischer Denkweise, von scholastischer Angelologie und irrationaler Demythisierung, eine Art literarische Antimethodologie. […] Hier verschmilzt die Kritik an der Hyperinterpretation mit der änigmatischen Rhythmik bildhafter poetischer Erkenntnis.“

Ungeachtet der Eigenart der gewählten Thematik, des Gegenstandes dieser ungewöhnlichen ‚Analyse‘, gelingt dem Autor eine Originalität der Formulierungen, ein ironischer Subtext, ein spielerischer und sogar parodistischer Ton (dem freilich bisweilen ein gewisser Ernst nicht abgeht), welcher anspielt auf den Duktus poststrukturalistischer und postmoderner Redeweisen, wie sie für die Philosophie der letzten Jahrzehnte bezeichnend sind. Das Buch erscheint dem Betrachter als ein Artefakt, welches bei aller Inhomogenität der verwandten Elemente nicht unter mangelnder Kohärenz leidet. Im Gegenteil: Der verbale Text, scheinbar darauf abgestellt, die Bedeutungsschwere der nonverbalen Symbole zu verringern, verleiht ihnen eine größere Brisanz und regt die Einbildungskraft, die Phantasie des Betrachters an.

Den Textteil des Buches könnte man eine wissenschaftlich-poetische Prosa mit ironischer oder sogar sarkastischer Note nennen (deren Anzeichen jedoch ihr poetisches Wesen nicht aufheben). Ein Wissenschaftler von postmoderner Gesinnung kleidet sich, indem er zwangsläufig eine Kritik der Kritik produziert, in das Kostüm des ‚homo ludens‘ ein. Doch das Leitprinzip des Postmodernismus mit seiner Idee der ‚Großen Verweigerung‘ (Marcuse) der klassischen kulturellen Tradition ist hier gestört, und das ‚Artefakt‘ tritt als kleines Kunstwerk weder formal, noch inhaltlich hinter die besten Beispiele klassischen künstlerischen Schaffens zurück.

 

Ninel Ziterowa

Kunsthistorikerin, Mitglied des Künstlerverbands von Estland

sowie der Internationalen Künstlervereinigung